Wohin führt die Digitalisierung der Automobilindustrie?

 

Die Automobilindustrie befindet sich ohne Zweifel im größten Umbruch ihrer Geschichte. Dies ist unter anderem zurückzuführen auf weitreichende Veränderungen in der Antriebstechnologie durch die voranschreitende Entwicklung des Elektroantriebs. Neue Maßstäbe in den Punkten Effizienz und Ressourcen-Optimierung sorgen für eine zunehmende Digitalisierung von Fahrzeugen und zwingen gleichzeitig etablierte Automobilhersteller neue Forschungsfelder zu priorisieren. Zu diesen Forschungsfeldern gehören unter anderem neue Möglichkeiten für die Vernetzung der Autos, neue Vertriebs- und Verkaufsmodelle durch Carsharing-Dienste aber auch der Wandel der Konsumentenbedürfnisse vom Fahrspaß zum effizienten Fahren. Die Digitalisierung der Automobilindustrie wird den Charakter des Verkehrs grundlegend ändern.

Die Notwendigkeit eines Wandels

Das Automobil der Zukunft wird in einem ständigem Austausch mit der Infrastruktur stehen. Schon heute bieten moderne Elektrofahrzeuge die Möglichkeit, freie Parkplätze und Ladestationen zu finden. Dabei wird der Computer den Fahrer immer weiter ersetzen, bis das Fahrzeug sich irgendwann komplett selbstständig fortbewegt.

Für die drei großen deutschen Autohersteller VW, BMW und Daimler bedeutet dies vor allem mehr Eigenentwicklung im komplexen Software-Bereich. Johann Jungwirth, Leiter der Digitalisierungsstrategie bei VW, beschreibt diese Notwendigkeit wie folgt:

„Wir müssen von einem Hardware-Hersteller zu einem integrierten Hardware- und Software-Hersteller werden.“

Doch nicht nur die Anforderungen der Kunden an technologisch-fortschrittliche Fahrzeuge machen einen Wandel in der Automobilindustrie zwingend erforderlich. Auch der rasante Anstieg der weltweiten Fahrzeuge im Straßenverkehr und das damit einhergehende Platzproblem in Großstädten sorgen für ein Umdenken. Der Stadtstaat Singapur hat bereits heute so stark überfüllte Straßen, dass neue Fahrzeuge nicht mehr auf die Straßen passen. In Zukunft sollen hier selbstfahrende Taxiflotten den Fahrer ersetzen.
Gleichzeitig sollen dadurch schätzungsweise bis zu 90 Prozent  der Fahrtkosten eingespart werden. Eine sogenannte Sharing-Economy, also das Teilen von Gütern & Fahrzeugen, lässt sich auch im europäischen und amerikanischen Raum anhand der wachsenden Nutzerzahlen von Carsharing-Diensten erkennen. Der große deutsche Softwarehersteller SAP erkannte bereits vor einigen Jahren große Chancen im modernen Mobilitätsmanagement. Eine von SAP erprobte Software soll eine einfache Kontrolle der Fahrzeugflotte sowie eine intelligente, risikofreie Steuerung gewährleisten.



Neuer Wettbewerb erfordert Kooperationen

Der technologische Wandel des Automobils erzeugt neue Wettbewerber. Zu den wohl größten Konkurrenten der etablierten Automobilhersteller gehören die Unternehmen Apple und Google. Schon heute sind die Software-Giganten in fast allen neuzugelassenen Fahrzeugen von BMW, VW und Daimler vertreten. Apple CarPlay und Android Auto verbinden das eigene Smartphone mit dem Infotainmentsystem des Fahrzeugs. So können die Apps eines Smartphones auch im Auto während der Fahrt genutzt werden. Apple beschreibt seine eigene Software namens Apple CarPlay wie folgt:

„CarPlay ist eine intelligentere, sicherere Möglichkeit, dein iPhone im Auto zu nutzen. Du findest es in ausgewählten Modellen. Alles, was du während der Fahrt mit dem iPhone machen willst, machst du mit CarPlay übers Display deines Autos. Du kannst ganz leicht Wegbeschreibungen abrufen, telefonieren, Nachrichten senden und empfangen oder Musik hören – und dich trotzdem auf die Straße konzentrieren. Verbinde einfach dein iPhone und los geht’s.“

Interessant hierbei ist, dass Apple mit seiner Software eigentlich keine wesentlichen neuen Funktionen für das Auto bereitstellt. Es werden nur die standardmäßigen Infotainment-Funktionen des Fahrzeugherstellers, also Navigations-, Telefon- und Musik-Funktion, überflüssig gemacht und in die Hände der amerikanischen Software-Hersteller gelegt.

Für Dr. Christoph Grote, Bereichsleiter Elektronik bei BMW, gibt dies jedoch keinen Anlass zur Sorge. „Die neuen Konkurrenten würden zwar die Software beherrschen, aber nicht die komplizierte Mechanik eines Autos.“

Doch ganz so sorglos betrachten die deutschen Automobilhersteller die Wettbewerber von Übersee nicht. Schließlich haben sich BMW, VW und Daimler erst vor ein paar Jahren zusammengeschloßen, um sich mit insgesamt knapp 3 Milliarden Euro am Kartendienst Here zu beteiligen. Mit dem Kauf wollen sich die Autohersteller von der Datenmacht US-amerikanischer Software-Hersteller lösen.

Viele junge Menschen verzichten heute auf den Kauf eines eigenen Autos und nutzen stattdessen Carsharing-Angebote wie DriveNow. DriveNow war eine Kooperation zwischen dem Autohersteller BMW und dem Mietwagenunternehmen Sixt. Carsharing ist ein ideales Beispiel für die stattfinde Digitalisierung der Automobilindustrie. Die Nutzer können mit dem Smartphone ein freies Fahrzeug in der Umgebung finden, per App das Fahrzeug entriegeln und losfahren. Der Nutzer zahlt nur für die Zeitdauer seiner Fahrt und muss das Fahrzeug weder kaufen, noch für einen bestimmten Zeitraum anmieten. Auch Daimler hat sich an verschiedenen Carsharing-Diensten beteiligt und nennt dies Mercedes me move. Die Autohersteller scheinen einen Trend weg vom Kauf eines Neuwagens hin zum Teilen eines Mietwagens also erkannt zu haben. Mit ihren Beteiligungen an den Carsharing-Unternehmen profitieren die Autohersteller bereits von dem neuen Trend.




Infrastrukturen schaffen

Ein großes Hindernis der voranschreitenden Digitalisierung des Automobils stellt derzeit noch die fehlende flächendeckende Infrastruktur dar. Hierzu gehören sowohl ein flächendeckendes Netz an Ladestationen für Elektrofahrzeuge als auch der Ausbau leistungsfähiger Mobilfunknetze. Ohne eine solche Vernetzung wird kein Auto autonom durch Städte oder über Autobahnen fahren. Die Grafik verdeutlicht, wie rasant der mobile Datenverkehr ansteigt. In Asien und Nordamerika werden die meisten Datenmengen gesendet. Für das Jahr 2018 werden weltweit mit monatlich 16.792,3 Petabyte bereits mehr als doppelt so viele Datenmengen im Mobilfunknetz prognostiziert wie in 2016.

Einen wesentlichen Anteil an diesen Datenmengen werden in Zukunft auch Fahrzeuge beitragen. Aus diesem Grund wird derzeit speziell für Autos der neue WLAN-Standard ITS-5G erprobt und entwickelt. ITS-5G soll eine sichere, verzögerungsfreie Kommunikation zwischen Fahrzeugen im Straßenverkehr gewährleisten. Der Ausbau des Funknetzes wird eine große Herausforderung für Mobilfunkanbieter, Automobilhersteller und Bundesregierung, ist zugleich aber Grundvoraussetzung für das hochautomatisierte, autonome Fahren.

Neue Geschäftsmodelle

Der Wandel in der Automobilindustrie wird zur Entstehung neuer Geschäftsmodelle in der Automobilindustrie führen. In den letzten Jahren sind bereits viele neue Plattformen, Apps und Unternehmen entstanden, welche Aufgaben der klassischen Autohersteller und Autohäuser ersetzen. Dr. Juergen Reiner sieht die Gründe hierfür unter anderem darin, dass Autobauer heutzutage nicht nur die Fertigung des Kundenfahrzeugs übernehmen sollten, sondern dem Kunden vielmehr als Mobilitätspartner zur Seite stehen sollten. Da Autohersteller dieser Aufgabe derzeit nicht gerecht werden, hält Reiner für die Zukunft grundsätzlich fünf Rollen in der Automobilindustrie für möglich.

Anbieter für Connected-Life-Lösungen entwickeln Apps für Mobilitätsservices. Ziel eines Anbieters für Connected-Life-Lösungen könnte es zum Beispiel sein, den Kunden möglichst preiswert von A nach B zu bringen. Hierzu zählen zum Beispiel Carsharing-Dienste wie DriveNow und car2go.

Auto-Vertriebsspezialisten sind Internet-Plattformen und Apps, die Fahrzeuge an den Kunden verkaufen oder vermieten. Hierzu zählt zum Beispiel das amerikanische Startup Carvana, dass das Wunschfahrzeug bis vor die Haustür liefert. Für die klassischen Autohäuser stellt dies ernstzunehmende Konkurrenz dar. Die Vertriebsspezialisten greifen eine sehr wichtige Ertragsquelle der Autoindustrie an: den Handel.

Die Asset-light-Integratoren sind vor allem Software-Unternehmen, welche die Entwicklung von Schlüssel-Komponenten und Apps, z.B. für autonomes Fahren übernehmen. Google erprobt beispielsweise eigene Technologien für selbstfahrende Autos, überlässt die Fahrzeugherstellung aber den etablierten Autobauern.

Die etablierten Autobauer werden, so Reiner, aufgrund fehlendem digitalen Know-hows lediglich die Fahrzeug-Basis herstellen und auf Kooperationen mit innovativen Asset-light-Integratoren angewiesen sein. Schließlich sollen noch die Auto-Zulieferer eine Rolle in der Automobilbranche einnehmen. Diese würden sich auf die kostengünstige Massenproduktion konzentrieren.



Autonomes Fahren

Die vollständige Automatisierung eines Fahrzeugs hin zur fahrerlosen Fortbewegung im Straßenverkehr wird als autonomes Fahren bezeichnet. Auf dem Weg dahin gibt es verschiedene Automatisierungsgrade, die ein Fahrzeug annehmen kann. Hierzu gehören

  1. driver only,
  2. assistiert,
  3. teilautomatisiert,
  4. hochautomatisiert und
  5. vollautomatisiert.

Schon heute fahren viele Fahrzeuge im Straßenverkehr teil- und hochautomatisiert, bremsen und beschleunigen im fließenden Verkehr also automatisch oder parken das Fahrzeug selbstständig in eine passende Parklücke ein.

Doch automatisiertes oder gar autonomes Fahren birgt auch Gefahren. Nahezu täglich passieren Verkehrsunfälle mit fahrerlosen Testfahrzeugen, insbesondere auf den Straßen in den USA. Hierbei wird natürlich auch die Frage der Haftung aufgeworfen. Rechtliche Rahmenbedingungen waren bislang in Deutschland noch unzureichend geklärt. 

Um diese rechtlichen Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen, hat der Bundestag im März 2017 dazu ein Gesetz verabschiedet. So wird es dem Fahrer selbstfahrender Fahrzeuge erlaubt sein, die Hände vom Steuer zu nehmen, um das Smartphone während der Fahrt zu bedienen. Das Fahrzeug muss jedoch frühzeitig den Fahrer dazu auffordern, sobald dieser die Steuerung wieder übernehmen muss.

Ebenfalls können Fahrzeugsensoren und Kameras Verkehrsinformationen verarbeiten, die dass menschliche Auge auf weite Distanzen einfach nicht wahrnehmen kann. Dazu zählt beispielsweise ein Wildwechsel auf einer dunklen Landstraße. Durch moderne Fahrzeugtechnik können mögliche Unfälle frühzeitig erkannt und Maßnahmen ergriffen werden.

Der Wandel hat bereits begonnen

Die voranschreitende Digitalisierung des Automobils stellt die Automobilindustrie vor große Herausforderungen. Dass der Wandel bereits begonnen hat, lässt sich an der voranschreitenden Entwicklung von Assistenzsystemen und Apps für Autos erkennen. Die Chancen einer Digitalisierung des Automobils liegen auf der Hand. Einerseits werden Fahrzeuge effizienter und umweltfreundlicher, andererseits können technologisierte Fahrzeuge die Sicherheit im Straßenverkehr maßgeblich verbessern. Doch gerade für die deutsche Automobilindustrie sind mit der Digitalisierung des Automobils viele Risiken verbunden. Zu einer der größten Herausforderungen für etablierte deutsche Autohersteller wird die neue Rollenverteilung in der Autobranche. Damit einhergend ist die wachsende Marktmacht amerikanischer Software-Giganten wie Apple und Google. Die großen deutschen Autobauer, darunter VW, BMW und Daimler, versuchen diese Marktmacht mit mehr Kooperationen im Digitalisierungsbereich zu kompensieren. 
Für die Zukunft wird es nötig sein, rechtzeitig angemessene Infrastrukturen zu schaffen, auch um den Weg für autonom fahrende Fahrzeuge freizumachen. Hierzu zählen der Funknetzausbau sowie der Ausbau von Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Mithilfe von Mobilitätsmanagement-Software, wie sie zum Beispiel von SAP entwickelt wird, kann Flottenmanagement für Unternehmen deutlich günstiger und energiesparsamer werden.

Schlussendlich lässt sich feststellen, dass die Konsumenten von einer Digitalisierung des Automobils profitieren werden. Für die klassischen Unternehmen in der Autobranche wird der Wettbewerbsdruck jedoch stark ansteigen und so manchem Unternehmen tiefgreifende Veränderungen abverlangen.

 

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